IVAM-Befragung 2022: Corona Krise - Klimawandel - Entwicklungen in der EU

22.06.2022

Der Klimawandel ist in aller Munde – dennoch bleibt noch viel zu tun. Je deutlicher die Folgen des Klimawandels im Alltagsleben durch extreme Wetterphänomene oder steigende Lebensmittelpreise aufgrund schlechter Ernten sichtbar werden, desto drängender die Forderung auch an Unternehmen und Institute selbst nachhaltig zu wirtschaften oder mit Technologien und/oder Produkten zu einer Verbesserung der Situation beizutragen.

Der IVAM Fachverband für Mikrotechnik hat in seiner diesjährigen Wirtschaftsdatenerhebung einen Schwerpunkt auf das Thema Nachhaltigkeit/ Kreislaufwirtschaft gelegt. In diesem Kontext wurden auch die Erwartungen an die neue deutsche Bundesregierung abgefragt, die mit Beteiligung der Partei „Die Grünen“ prädestiniert für eine Politikwende in Bezug auf die Klimathematik scheint.

Die Befragung wurde vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine durchgeführt – verliert dadurch aber nicht an Relevanz, da einerseits der Status Quo der Organisationen nach der Corona-Pandemie dargestellt wird und die abgefragten Sonderbereiche (Nachhaltigkeit/ neue deutsche Bundesregierung) auch unabhängig von den aktuellen Entwicklungen betrachtet werden können.

Die Branche arbeitet nachhaltig – zumindest in Teilbereichen

Das Thema Nachhaltigkeit ist bei der Mehrheit der Befragten im Unternehmen angekommen – insgesamt 78,3 % der Befragten wirtschaften in mehr oder weniger umfänglichem Ausmaß nachhaltig. Vollständig nachhaltig arbeiten 10,9 % der Antwortenden. In einigen Bereichen sind 41,3 % nachhaltig und bei 26,1 % der Unternehmen wird aktuell ein Nachhaltigkeitskonzept erarbeitet. Lediglich 6,5% der Befragten geben an, nicht nachhaltig zu arbeiten und auch kein Konzept in Planung zu haben.

Mikrotechnik trägt zu Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft bei

Ein weiterer Aspekt des Themas ist der konkrete Beitrag von Organisationen der Mikrotechnikbranche zur Förderung der Nachhaltigkeit in Deutschland und Europa. Dies in Form von Produkten und/oder Technologien, die beispielsweise helfen Ressourcen einzusparen, dazu beitragen klimaschädliche Abfallprodukte zu vermeiden oder wiederverwendbare Materialien herzustellen.

30 % der Unternehmen und 23,1 % der Forschungsinstitute geben an, dass ihre Produkte relevant für eine nachhaltige oder Kreislaufwirtschaft sind. Bei den Technologien ist die Relevanz der Branche noch deutlicher – 76,9 % der Institute und 39,4 % der Unternehmen entwickeln Technologien, die einen Beitrag zur Förderung der Nachhaltigkeit leisten.  

Förderung von Schlüsseltechnologien und Fachkräftesicherung – Mikrotechnikbranche erwartet hier Unterstützung von der neuen deutschen Bundesregierung

Deutsche Organisationen erwarten von der neuen deutschen Bundesregierung – ausgehend von den Inhalten des Koalitionsvertrages – insbesondere eine gezielte Förderung von Schlüsseltechnologien wie z.B. Biotechnologie, KI, Quantentechnologie, Halbleiterindustrie (80,0 %) sowie eine Politik zur Sicherung von Fachkräften durch z.B. entsprechende Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen im Bereich der Mikrotechnik (73,3 %). Die Hälfte der Befragten wünscht sich darüber hinaus Förderungen von kleinen und mittleren Unternehmen, bspw. durch einen erleichterten Zugang zum Kapitalmarkt oder Unterstützung bei der Digitalisierung.  

Auf die Frage, welche Impulse man sich von der Bundesregierung zur Stärkung des Technologiestandortes Deutschland erwartet, nannten die befragten Organisation eine Vielzahl an Maßnahmen, die sich zum Teil mit den oben genannten Punkten decken, oftmals aber darüber hinaus gehen.  

Genannt wurden unter anderem:

  • weniger Bürokratie, niedrigere Steuern, Wiederherstellung der Konkurrenzfähigkeit des Standortes Deutschland,
  • bessere Schul- und Hochschulbildung,
  • bessere Fördermittellandschaft (derzeit so gut wie nicht vorhanden),
  • Wiederherstellung der Elektronikproduktion in Deutschland,
  • Konsequente Hinwendung zur Klimaneutralität,
  • Stärkung und Schutz von Schlüsseltechnologien (hier genannt: Photonik, Halbleiter- und Komponentensektor),
  • Erweiterung der digitalen Infrastruktur,
  • Cybersicherheit,
  • Zukunftsabsicherung der Energieversorgung.

Die Punkte Stärkung von Schlüsseltechnologien, Erweiterung der digitalen Infrastruktur sowie bessere Fördermittellandschaft wurden – in unterschiedlichem Wortlaut – mehrfach genannt und entsprechen den externen und internen Herausforderungen denen Unternehmen sich heute und in Zukunft ausgesetzt sehen (siehe unten) und wofür sie sich Lösungsansätze wünschen.

Die Mikrotechnikbranche ist bisher gut durch die Corona Pandemie gekommen

60,0 % der Unternehmen geben an, dass sich ihr Umsatz im Jahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr erhöht hat. Bei 20 % ist der Umsatz stabil geblieben. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den Mitarbeiterzahlen. Bei 50 % der befragten Unternehmen gab es in 2021 einen Anstieg der Mitarbeiterzahlen. Bei 36,7 % blieb der Wert unverändert. Lediglich der Export ist in nur moderatem Ausmaß gewachsen. 23,3 % der Firmen gaben an, dass sich ihr Export erhöht hat, bei 30,2 % blieb der Export stabil. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass sich die Produktion zunehmend ins Inland verlagert.

Bei den Prognosen zeigt sich zum Befragungszeitpunkt ebenfalls eine optimistische Stimmung. Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass sich sowohl der Umsatz als auch die Mitarbeiterzahlen in den kommenden drei Jahren erhöhen werden (60,0 % bzw. 83,3 %). Einen wieder steigenden Exportanteil sehen 41,9 % der Unternehmen. Ob diese Entwicklung nach Einbruch des Krieges in der Ukraine tatsächlich eintritt, bleibt abzuwarten.

Die Entwicklungen in der Europäischen Union sind der größte externe Unsicherheitsfaktor  

65,1 % der befragten Organisationen sehen zum Zeitpunkt der Befragung insbesondere die Entwicklungen in der EU (dies beinhaltet einerseits die unsichere wirtschaftliche Entwicklung, andererseits immer deutlicher werdende nationalistische Tendenzen in einzelnen EU-Staaten) als größten externen Unsicherheitsfaktor an, der die Stabilität in der Branche gefährden könnte. Weitere Unsicherheitsfaktoren sind die Entwicklung der Corona-Pandemie oder anderer Pandemien (32,6 %), Chinas Einfluss auf den Weltmarkt (27,9 %) sowie der Mangel an digitaler Infrastruktur bzw. die ökonomische Schwäche mancher EFTA/EU Mitgliedsstaaten (jeweils 23,3 %).

Die Mikrotechnikbranche steht im Wettbewerb um Fachkräfte

Bereits in der letzten Befragung im Jahr 2020 sahen sich die befragten Organisationen stark mit der Herausforderung konfrontiert, geeignete Fachkräfte zu finden und zu halten. Der Anteil der Organisationen, die dies als internen Unsicherheitsfaktor ansehen, ist seitdem noch weiter gestiegen. Für 70,0 % der Unternehmen und 84,6 % der befragten Forschungseinrichtungen ist das Thema Fachkräftegewinnung und -haltung der größte Unsicherheitsfaktor im Hinblick auf die internen Entwicklungsmöglichkeiten.  

Unternehmen sorgen sich um ihre Profitabilität

Neben dem Faktor der Fachkräftegewinnung sind für die befragten Unternehmen die Absicherung der Profitabilität (40,0 %), die Absicherung der Finanzierung (33,3 %), das Erschließen von Auslandsmärkten (30,0 %) sowie der Punkt der Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit (26,7 %) die größten Unsicherheitsfaktoren in Bezug auf die interne Stabilität.

Profitabilität ist für die zum Teil hochspezialisierten Anbieter, die häufig kundenspezifische Lösungen in kleinen Losgrößen liefern, immer ein drängendes Thema. Im Hinblick auf die nach wie vor unsichere Entwicklung der Pandemie und der wirtschaftlichen Lage in der EU dürften sich diese Sorgen ggf. wieder verstärken.

Insgesamt bleibt abzuwarten, wie sich der Fortgang des Krieges in der Ukraine sowie die möglicherweise wieder aufflammende Pandemie zum Ende des Jahres auf die Organisationen der Mikrotechnikbranche auswirkt.